• Yasemin Kamisli

"Weil Leben auch immer Kampf bedeutet" - Profiboxerin Dilar Kisikyol

Bereits bei ihrer Geburt musste sie als Drilling um ihr Leben kämpfen – dieses Jahr boxte sie sich dann erfolgreich bei der internationalen deutschen Meisterschaft durch. Dilar's Ambition: Menschen zusammenzubringen, sie zu empowern und Vorurteile abzubauen.


Foto: Greta Martensen

Sport verbindet – zwei Worte, die Dilar Kisikyol's Leben nicht nur geprägt haben, sondern auch einen antreibenden Motor in ihrem Engagement beschreiben. Als Profiboxerin und Sozialpädagogin vereint Kisikyol den Kampfsport mit wichtigen Werten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken: "Weil Leben auch immer Kampf bedeutet setze ich mich für Gleichberechtigung und Akzeptanz ein", beginnt die 29-jährige Leverkusenerin. Nachdem sie als Jugendliche von ihrer Klavierlehrerin nachhause geschickt wurde, entdeckte sie mit 17 Jahren das Boxen für sich. "Bis dahin hat mir der Lebenssinn gefehlt. Das war so, als hätte ich meine große Liebe gefunden und endlich das, was mich erfüllt", so Kisikyol. Auf eine etwas andere Art und Weise wurde ihr der Kampfsport in die Wiege gelegt, auch wenn sich ihre Geschichte über viele Hürden letztendlich im Boxring stetig vervollständigt. "Ich wurde als Drilling geboren und hatte demnach keinen sehr leichten Start ins Leben", erläutert sie weiter, "mein Name kommt aus dem kurdischen und bedeutet so viel wie Feuerherz. Diesem Kampfnamen versuche ich immer treu zu bleiben." Um ihren Traum vom Profiboxen zu erfüllen, zog Kisikyol im Jahr 2019 von Leverkusen nach Hamburg. Dafür verzichtete sie sogar auf ein sicheres Jobangebot. "Wenn man wie ich als Mädchen oder Frau mit Migrationshintergrund den Kampfsport für sich entdeckt, wird das nicht immer gleich akzeptiert", stellt die Profiboxerin klar, "in zwei Kulturen aufzuwachsen ist etwas wunderschönes, aber es ist trotzdem eine Herausforderung in unserer Gesellschaft." Mit ihrem Amt möchte sie insbesondere andere Frauen unterstützen und dafür sorgen, dass das Frauenboxen wieder mehr Anerkennung, Respekt und Akzeptanz in unserer Gesellschaft erhält.


"Neben dem Kampfsport haben mich meine Eltern sehr stark geprägt", sagt die Internationale Deutsche Meisterin im Boxen, "wir hatten damals nicht viel und trotzdem haben sie mir und meinen Geschwistern ein tolles Leben ermöglicht. Uns weiterzugeben, gute Menschen zu werden war immer oberste Priorität." Ihre Eltern haben ihr nicht nur wichtige Werte mitgegeben, sondern auch ihre Kämpfernatur: "Ich sage immer, dass der Mensch nicht am Ziel groß wird, sondern auf dem Weg dorthin." Diese Botschaft möchte die 29-jährige auch in ihrem Projekt "Du bist Mensch - du kämpfst" vermitteln: "Meine Mission ist es, durch den Boxsport so vielen Menschen wie möglich Mut zuzusprechen. Ich möchte sie ermutigen, für ihren eigenen Weg einzustehen und für ihre Träume zu kämpfen." Um durch das Boxtraining andere Frauen mit diversen Lebensrealitäten und Geschichten zu stärken, leitete Kisikyol ein solches an der Hochschule in Hamburg. Dort trainierte sie Frauen mit Fluchthintergrund, welche kürzlich nach Deutschland kamen. "Das war für mich ein besonderer Moment, weil ich gemerkt habe, wie emotional ich selbst bei meiner Arbeit werde", so Kisikyol, "die Frauen sahen mich als Vorbild und ich sah sie alle als Vorbilder."


In ihrem ersten Boxverein war Kisikyol das einzige Mädchen, "als ich die ganzen Männer im Training gesehen habe, bin ich gleich wieder nachhause gegangen. Ich habe mich nicht getraut", erinnert sich die Profiboxerin, "aber weil mich der Kampfsport so erfüllt hat, bin ich trotzdem dran geblieben." In der Tat: Auch wenn Dilar Kisikyol in ihrer Boxkarriere immer wieder darauf aufmerksam gemacht worden sei, dass sie doch gar nicht wie eine Boxerin aussehe, ließ sie sich von ihrem größten Traum nicht abhalten. "Es ist leider immer noch so, dass man als Frau im Sport einer Doppellast ausgesetzt ist", beschreibt die Profiboxerin. Heute hat sie 40 Amateurkämpfe bestritten, ist drei mal deutsche Hochschulmeisterin und NRW Meisterin geworden und international ist sie drei mal auf dem Dritten Platz gelandet. "Wir Frauen dürfen uns nicht verstecken. Wenn ich als Frau etwas gut kann, dann ist es egal ob ein Mann oder die Gesellschaft es akzeptiert oder nicht. Dann mache ich erst recht weiter." (Yasemin Kamisli)