• Yasemin Kamisli

Omar Shehata:"Meine Visionen sollen keine Träume bleiben"

Als Halbwaisenkind musste Omar Shehata sehr früh einen sozialen Abstieg erleben: eine Geschichte, welche erneut veranschaulicht, dass soziale Ungleichheit und Diskriminierung noch immer den Alltag vieler bestimmen. Heute sitzt er im Frankfurter Stadtparlament mit Visionen, die in naher Zukunft Realität werden sollen.

Foto: Jusos Frankfurt

Aus Wut, Protest und der Unfähigkeit, in der Welt etwas verändern zu können, fehlt der damalige 11. Klässler einen Schultag, um im Parteihaus der SPD analog in die Partei einzutreten. „Ich habe grundsätzlich immer ein Ungerechtigkeitsgefühl empfunden", beginnt Shehata, "Diskriminierung und Rassismus waren und sind sehr präsent in meinem Alltag. In der Schule haben Lehrer beispielsweise absichtlich meinen Namen falsch ausgesprochen und mir von meinen Leistungskursen Deutsch und Latein aufgrund von angeblich sprachlichen Defiziten abgeraten.“

Schon als Jugendlicher verspürte er einen gewissen Drang, laut nach vorne zu treten. So lange, bis ihm das bloße laut werden schlichtweg nicht mehr ausreichte: "Mir war schon früh bewusst, wie ausgeprägt soziale Ungleichheit global und regional ist", so der 29-jährige, "der knackende Punkt war aber, als ich eines Nachts mit 16 Jahren sehr verärgert mit der Welt auf eine Dokumentation über Mülldeponien in Ghana gestoßen bin". In dieser haben Jugendliche seines Alters von alten Mobiltelefonen die Akkus herausgenommen, um Kupfer verkaufen zu können. Diese seien so schädlich für die Menschen in Ghana gewesen, dass sie Jahre später noch Folgeschäden davongetragen haben. "Sie hatten eben nur zwei Optionen", erläutert Shehata, "entweder, sie kommen mit Schadstoffen in Kontakt, oder sie verhungern und werden nicht einmal 30 Jahre alt." Ein Life-Changing Moment, welcher den damaligen Jugendlichen berührte und inspirierte, etwas zu unternehmen. Um etwas zu verändern, lässt sich der Frankfurter 2016 als jüngster Kandidat für die Stadtverordnetenversammlung aufstellen. Aufgrund eines schlechten Listenplatzes schafft Shehata es trotz vieler Stimmen nicht in das Stadtparlament. Fünf Jahre später gelingt es ihm letztlich mit 42.456 Stimmen.


"Über Steine zu den Sternen" - ein Leitspruch, welcher sich durch Shehata's ganzes Leben zieht. Er wurde 1991 als Sohn ägyptischer Einwanderer in Deutschland geboren und wuchs in einer Akademiker Familie auf. Seine Mutter lehrte im Ausland Deutsch als Fremdsprache und sein Vater betrieb eine Apotheke. "Es gibt Menschen, die sind durchaus privilegierter- aber auch weniger privilegiert als ich aufgewachsen", stellt Shehata klar, "ich habe jedoch gelernt, dass man manchmal Schlimmes erleben muss, um Gutes zu erreichen." Das hier beschriebene "Schlimme" verkörpert in Shehata's Leben ein Schicksalsschlag, welcher einiges in dem Leben seiner Familie veränderte. "Als ich vierzehn Jahre alt war, ist mein Vater plötzlich verstorben. Ich bin zum ersten Mal auf einer emotionalen Ebene sehr stark gefallen, aber wir sind das auch finanziell", reflektiert er, "ich habe mein Vorbild verloren und gleichzeitig gemerkt, wie miserabel das deutsche Sozialsystem geworden ist. Von dem einen auf den anderen Tag waren meine Mutter und ich Hartz-IV Empfänger."


Aus seinem Schmerz und der Frustration schöpfte er Kraft, um zwei Jahre später politisch aktiv zu werden. "Ich habe erstmals gemerkt, wie schwer es ist, das Bildungsniveau zu halten, wenn man nicht genug Geld hat." Eine Erkenntnis, welche ihn inspirierte, sich auf politischer Ebene für eine gerechtere Bildung einzusetzen: "Ich möchte wirklich, dass in jedem Frankfurter Stadtteil die Kinder eine Möglichkeit haben, Abitur zu machen." Um dies zu ermöglichen, war Shehata schon früh mit jeglichen jungen Menschen und SPD Ortsvereinen in Kontakt. Diese widerlegten, dass im Frankfurter Westen bloß ein Gymnasium existierte, an dem man das Abitur absolvieren konnte. Alle anderen seien mindestens eine Stunde mit dem Bus entfernt gewesen. "Kommunalpolitik kann genau das verändern. Wir brauchen unter anderem 24 neue Schulen, um Bildungsgerechtigkeit zu erreichen."


Darüber hinaus ist Shehata seit 2016 Co-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt in der SPD Frankfurt, wo er sich gemeinsam mit der Dezernentin für Integration und Bildung Sylvia Weber für mehr Räume und Ressourcen für Integration, Bildung und Begegnung, Chancengleichheit für alle und gegen Ausgrenzung und Rassismus einsetzt.


Wir, die jungen Menschen, formen und gestalten die Zukunft mit, weshalb genau diese Stimmen in der Politik sowie in der Gesellschaft viel mehr gehört und verstanden werden sollten. "Wenn ihr wirklich etwas verändern wollt, dann wartet nicht darauf, bis es jemand anderes für euch tut", adressiert der 29-jährige an die junge Generation, "ich finde es unglaublich schön, dass Politik auf Kommunaler- und auch Bundesebene diverser wird. Trotzdem müsst ihr für mehr Gerechtigkeit nicht unbedingt in die Politik gehen. Mit eurer Stimme könnt ihr so viel erreichen. Sei es auf einer Black Lives Matter -oder Hanau Demo, in einem Jugendverein oder auch durch soziale Arbeit. Wenn ich es geschafft habe, kann es jeder von euch auch schaffen." (Yasemin Kamisli)