• Yasemin Kamisli

Hibba Kauser: „Ich möchte gemeinsam mit den jungen Menschen Politik machen"

Geboren und aufgewachsen in einer Geflüchteten Unterkunft, um mit jungen Jahren genau das zurückzugeben, was ihr, Hibba Kauser, geschenkt wurde. Als ehemalige Schulstadtsprecherin und Integrationspreis Trägerin möchte sie die laute Stimme der jungen Generation in die lokale Politik einbringen.


Foto: faz.net

"Der Fakt, dass ich in einer Geflüchteten Unterkunft geboren wurde hat mich und mein Engagement am meisten geprägt“, beginnt die 21-jährige Offenbacherin, „für mich war es normal, Gemeinschaftsbäder zu haben und als sechs-köpfige Familie in zwei Zimmern zu wohnen.“ Bis zu ihrem vierten Lebensjahr wächst sie mit weiteren geflüchteten Familien und Helfer:innen auf, ohne die damaligen Umstände in Frage zu stellen. „Als ich älter geworden bin, wurde ich mir immer mehr darüber bewusst, was es eigentlich war“, reflektiert sie, „plötzlich habe ich verstanden, dass die Menschen, die mit uns Ostern und Weihnachten gefeiert haben und immer für uns da waren, Helfer und Helferinnen waren.“ Als einen festen Bestandteil hätten diese Hibba nicht nur geprägt, sondern auch motiviert, die Aktivistin zu werden, die sie heute ist. „Mir wurde plötzlich klar: Ich möchte genauso werden. Ich möchte mich für meine Mitmenschen einsetzen und besonders Kindern helfen.“


Mit diesem Vorsatz begann Kauser in der achten Klasse ihre schüchterne Seite abzulegen, „ich habe endlich angefangen, das zu sagen, was ich denke. Daraufhin ermutigten mich viele, nach einigen gescheiterten Versuchen mich erneut als Klassensprecherin aufzustellen. Dies führte sogar dazu, dass ich Schulsprecherin wurde.“ Aufgrund ihres diesbezüglichen schulischen, aber auch politischen Engagements vertrat sie schließlich mit 16 Jahren das verantwortungsvolle Amt der Stadtschulsprecherin: „In meiner Zeit als Stadtschulsprecherin habe ich gelernt, dass man durchaus Meinungen repräsentieren kann. Wenn man einfach das ausspricht, was einen stört und konstruktive Kritik äußert, dann kann man das auch auf eine andere Ebene tragen.“ Dabei ging es Kauser weniger um jegliche Ämter, viel mehr, um auf das häufig unterschätzte Potential der jungen Generation aufmerksam zu machen: „Ich wollte damals schon zeigen, dass wir junge Menschen eine laute Stimme haben. Und genau diese möchte ich auch heute noch vertreten.“ Schon als Jugendliche motivieren sie Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Menschen, sich selbst für mehr Gerechtigkeit einzusetzen: sie tritt bei den JUSOS ein, ohne dabei ihr schulisches und aktivistisches Engagement zu vernachlässigen. „Im Jahr 2017 habe ich die Demo gegen Abschiebung von Geflüchteten nach Afghanistan mitorganisiert. Die Abschiebung der Geflüchteten wurde durch den immensen Druck, den wir gemacht haben, sogar aufgelöst“, so Kauser, „da habe ich gemerkt, dass nicht immer die Politiker:innen diejenigen sind, die für Veränderung sorgen, sondern viel mehr wir als Gesellschaft. Das sind die Menschen, die richtige Lobbyarbeit betreiben. Nicht für Autokonzerne, sondern für Menschenrechte.“ Für ihren bewundernswerten Einsatz erhält sie 2018 den Integrationspreis. „Bei meiner Dankesrede war es mir wichtig zu betonen, wie viele andere Menschen sich neben mir auch noch engagieren“, stellt Kauser klar, „ich habe von meinen Visionen erzählt, aber auch auf Probleme aufmerksam gemacht. Man kann immer alles positiv reden, aber letztlich muss man etwas dagegen tun.“


Um ihren eigenen Horizont zu erweitern und Kindern in Not zu helfen, entschloss sie sich, nach dem Abitur für ein Jahr nach Kambodscha zu reisen. Dort traf sie auf Kinder, die unter mangelhaften Bedingungen auf einer Mülldeponie lebten. „Ich möchte mir auch das schlechte in der Welt anschauen“, so Kauser, „es war eine sehr emotionale Reise, die mich sehr gestärkt hat. Ich habe auch im Nachhinein aus Deutschland versucht, für die Kinder langfristige Patenschaften zu ermöglichen.“


Drei Jahre später sitzt Hibba Kauser als zweitstärkste Kraft ihrer Partei im Stadtparlament in Offenbach, mit dem klaren Ziel, sich als junge Aktivistin besonders für junge Menschen einzusetzen. Sie möchte sich unter anderem für unabhängige Beschwerdestellen für Diskriminierungsbetroffene einsetzen. „Ich möchte gemeinsam mit den jungen Menschen Politik machen. Ich möchte jemand sein, der immer mit den Menschen ist“, betont die 21-jährige, „ich werde immer wieder aus meiner Komfortzone heraus gehen. Und zeigen, dass sich auch eine SPD wieder positiv verändern kann.“ In ihrer zukünftigen Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung sei Hibba folgendes besonders wichtig: „Es bringt immer etwas, zu seinen Werten zu stehen. Und meine Werte sind eben Gerechtigkeit, Empathie und Menschlichkeit.“ (Yasemin Kamisli)