• Yasemin Kamisli

Emre Telyakar: "Frankfurt wird sicherer Hafen" – über Steine und Brücken ins Herz von Europa

Vier Worte, die berühren: "Frankfurt wird sicherer Hafen". Ein Weg, zu welchem Emre Telyakar von den Grünen und Omar Shehata von der SPD viel beigetragen haben. Im Frankfurter Stadtparlament überzeugt Telyakar mit starken Worten.

Frankfurt –  Knapp vier Wochen sind vergangen, seitdem die Taliban-Kämpfer Kabul betraten und der Präsident des Landes ins Exil floh. Seitdem hat sich insbesondere Kabul und die afghanische Gesellschaft grundlegend gewandelt. Während des unmittelbaren Chaos ergriffen viele Menschen die Flucht. Die unerwartete Eroberung der islamistischen Terrorgruppe Taliban hat in Afghanistan große Panik ausgelöst: Menschen verloren nicht nur ihre Freiheit, ihre Familie, ihre Liebsten sondern teilweise sogar ihr Leben. Ihre Lebensfreude. Die Musik, die Lebhaftigkeit, die Kultur. Alles. Besonders für die hart erkämpften Frauenrechte ist die Machtübernahme der Taliban ein Rückschlag. Innerhalb der kürzesten Zeit verloren sie durch die Terrormiliz ihre Entfaltungsfreiheit und grundlegende Menschenrechte. Wenige Tage später folgen erschreckende Bilder aus Universitäten. Ein Vorhang trennt Männer und Frauen. Sie dürfen nur noch in Vollveschleirung erscheinen. Oder eben gar nicht mehr studieren.


Auch wenn Kabul weit weg ist, sind die Lebensrealitäten und prekären Umstände der afghanischen Menschen doch so nah. Das verdeutlicht Stadverordneter Emre Telyakar von den Grünen im Frankfurter Stadtparlament. Es sind Worte, die berühren. Perspektiven, die prägen, bewegen und - viel wichtiger - einen großen Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ausmachen. Telyakar tritt ans Rednerpult. "Ich möchte näher auf die konkreten Umstände in dieser Stadt eingehen", beginnt der 26-jährige, "Frankfurt wird sicherer Hafen." Vier Worte, welche einen langen - vielleicht schon längst überflüssigen - Schritt in einer Stadt wie Frankfurt darstellen. Vier Worte, die für unfassbar viele Großes bedeutet.


Gemeinsam mit Omar Shehata (SPD) und Menschen aus der Stadtgesellschaft hat Emre Telyakar eine Hilfsaktion zur Evakuierung aus Afghanistan gestartet. "Im Rahmen dieser kamen 500 Schutzsuchende Menschen zusammen. Ärzte, Richterinnen, Soldatinnen, Frauenrechtlerinnen, aber auch Jugendliche und Kinder", führt Telyakar fort. Darunter seien einige mit Frankfurter Wohnsitz. Es handle sich hierbei um Menschen, "die uns im Laufe der letzten 20 Jahre im Afghanistan Einsatz verholfen haben, die uns vertraut haben, denen wir Schutz versprochen haben. Und die durch verantwortungslose Politik im Stich gelassen wurden."


Über diese Zahlen hinaus macht Emre Telyakar als einziger im Stadtparlament auf ein konkretes Beispiel aufmerksam, welches sich in etlichen Lebensrealitäten wiederfindet. "Auf Wunsch eines dieser Schicksale möchte ich eine Geschichte von Karim Rahmani* und seiner Familie erzählen", beginnt der 26-jährige. Im Parlament wird es still. "Er war elf Jahre alt, als die Taliban 1996 das Land übernahmen und ihre dschihadistische Ideologie einführten. Seine Mutter und seine Schwestern durften fortan nicht mehr ohne Vollverschleierung alleine aus dem Haus. Gar zur Schule oder zur Universität." Verstöße seien mit Auspeitschungen oder sogar dem Tode bestraft worden. Auch damals war die Machtübernahme der Terrormiliz klar spürbar. Wie Telyakar erläutert, wurde Karims* Vater gezwungen, einen Vollbart zu tragen. Musik wurde verboten. Auch damals schon. "Als er älter wurde und Afghanistan mittlerweile von NATO-Kräften kontrolliert wurde, schloss er sich der afghanischen Armee an. Ausgebildet durch die deutsche Bundeswehr, fest entschlossen, für die Freiheit seiner Familie zu kämpfen."


Nach dem internationalen Truppenabzug überrollten die Taliban eine Provinz nach der anderen. "Und die Menschen vor Ort wussten genau, was das für sie bedeutete: Vom Tode bedroht, schnellstmöglich das Land zu verlassen", betont Telyakar weiter, "Es bedeutete, die Heimat hinter sich zu lassen. Angewiesen auf die NATO-Kräfte, die Freiheit und Sicherheit versprachen. Wieder und wieder. Und die letztendlich ihrer Mission gescheitert sind."


Aktuell sind laut dem Auswärtigen Amt 530 deutsche Staatsbürgerinnen und 4.400 Afghaninnen ausgeflogen worden. Deutlich anzumerken sei, dass noch immer tausende Menschen in Todesangst verharren, darunter auch 14 Schülerinnen aus Frankfurt. Die Familie Rahmani habe es geschafft und sei aktuell mit vielen anderen in einer Obdachlosenunterkunft in Gießen untergebracht. "Ungewiss, ob sie irgendwann wieder abgeschoben werden, wie es hier vor Ort weitergeht, ob sie arbeiten und auf eigenen Beinen stehen dürfen."


Wie Emre Telyakar verdeutlicht, sei das Beispiel dieser Familie bloß eines von unzählig vielen. Richten wir unseren Blick nach Libyen, nach Jemen, nach Syrien so häufen sich diese Schicksale, "welche durch Leid und Elend geprägt sind". Auch Menschen zwischen der Türkei und Griechenland hausen in katastrophalen Umständen, gedroht durch illegale Push-backs an den Außengrenzen der europäischen Union. Ob auf hoher See oder der Balkanroute. "Auf all diese Menschenrechtsverletzungen können wir in Frankfurt nur eine Antwort haben: Unsere Stadt muss sicherer Hafen werden. Mit diesem Symbolschritt geht die Selbstverpflichtung einher, zu konkreten, humanitären Antworten", stellt Telyakar klar. "Für geflüchtete Menschen brauchen wir dezentrale Unterbringungen, Bildung, Teilhabe und Sicherheit. Niemand soll je wieder in ein Kriegsgebiet abgeschoben werden. Dafür setzen wir uns ein."


Mit starken Worten beendet Emre Telyakar seine Rede: "Gehen Sie mal raus auf die Straßen, nur zu liebe CDU. Ich denke an meinen Freund und Friseur aus dem Frankfurter Westen, der über die Balkanroute aus Syrien seinen Weg nach Frankfurt gefunden hat. Und heute kaum einem anderen wie mir die Haare schneidet. Ich denke an meinen Freund Mahmoud aus der Ausbildungszeit am Flughafen, dessen Eltern aus Afghanistan flohen. Bei denen es jedes Jahr im Frankfurter Norden das leckerste Iftar zu Ramadan gibt. Ich denke an meinen Freund Haida, dessen Mutter ein jemenitisches Restaurant im Frankfurter Osten betreibt und die leckersten Eintöpfe kocht. All diese Menschen sind Frankfurterinnen. All diese Menschen haben mich schon früh geprägt und an diesen Ort geführt. Um dafür zu streiten. Zusammenhalt und Vielfalt. Das ist Frankfurt. Leave no one behind." (Yasemin Kamisli)


*Name geändert.


Liebster Emre, ich danke dir nochmals für diese unglaublich anschauliche, berührende und echte Rede. Teşekkürler, dass du die Perspektiven ins Parlament trägst, die wir alle in der Vergangenheit so sehr vermissten. Danke, dass du Betroffene in deine politische Arbeit mit einbringst. Dass du Lebensrealitäten siehst, verstehst und weitergeben kannst. Dankeschön.