• Yasemin Kamisli

Düzen Tekkal's German Dream: "Ich wollte etwas tun, was größer war als meine Angst"

Schon mit drei Jahren begleitet sie ihren Vater in den niedersächsischen Landtag, um die Essenz der Demokratie zu verstehen. Aufgewachsen ist sie zusammen mit zehn Geschwistern und ihrer Mutter als Analphabetin und ihrem Vater als Fliesenleger in Deutschland. Geprägt durch diese entschied sie sich, 2014 ihre Komfortzone zu verlassen und in den Nordirak sowie in den Südosten der Türkei zu reisen, um unerwartet eine Chronisten eines Völkermords zu werden. Heute arbeitet sie als Journalistin, Autorin, Kriegsberichterstatterin und Gründerin der beiden Organisationen GermanDream und HAWAR.help. Eine inspirierende Geschichte.

Foto: neuepresse.de

"Ich kann mich daran erinnern, wie mein Vater mir im Landtag erklärte, welchen Schatz wir durch die parlamentarische Demokratie in Deutschland haben", beginnt Tekkal, "und er sagte mir, dass diese Freiheiten und Rechte nicht selbstverständlich sind und dass es gilt, diese Werte alltäglich neu zu verteidigen." Werte und Erfahrungen, die sie dazu bewegten, sich einige Jahre später selbst für die Demokratie einzusetzen. Als Tochter kurdisch-jesidischer Geflüchteten spielten die durch die Eltern gestellten Ansprüche an sie und ihre Geschwister eine entscheidende Rolle in ihrem Werdegang: "Der Familienauftrag lautete schon von meiner Kindheit an: 200 Prozent geben, um die Chancen in Deutschland zu nutzen."


Mit diesen im Hinterkopf erlebt sie 2014 einen von ihr beschriebenen "life-changing-moment" - ein Moment, der ihr Leben bisher am meisten geprägt, verändert und beeinflusst habe. "Ich wollte etwas tun, was größer war als meine Angst", so Tekkal, "Deutschland zu verlassen, um in ein Gebiet aufzubrechen, das damals als eines der gefährlichsten Gebiete der Welt galt – den Irak." Im Rahmen dieser Reise plante Tekkal ursprünglich, die stolze Geschichte der Jesiden, welche hauptsächlich von Glauben und Kultur handelt, zu erzählen. Was sie jedoch nicht erwartete: dass sie plötzlich zur Chronistin eines brutalen Völkermordes an ihrer Religionsgemeinschaft wurde. Daraufhin gründet sie eine Hilfsorganisation names Háwar.help und ruft den Dokumentarfilm "Háwar – meine Reise in den Genozid“ ins Leben. "Háwar heißt auf Kurdisch „Hilfe“ oder „Hilferuf“ – und das sagt schon fast alles über den gleichnamigen Film aus", erklärt die 42-jährige, "der Film handelt von der versuchten Auslöschung der Jesiden, von Mord, Vergewaltigung und von lange verwehrter Hilfe. Aber auch von Frauen, die sich trotz unvorstellbaren Leids der Zukunft stellen: Zum Beispiel die IS-Überlebende und heutige UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad."


Der "American Dream" ist in unserer Gesellschaft eine sehr bekannte Gesinnung, wobei jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder des Sozialstatus, durch harte Arbeit Wohlstand erreichen sollte. Düzen Tekkal gründet in Deutschland ein ähnliches Projekt, in welchem die individuelle, sowie die kollektive Freiheit betont werden soll: den GermanDream. "Ich habe mir die Frage gestellt, warum das Framing von Einwanderung in Deutschland so negativ konnotiert wird und immer nur sichtbar wird, wenn es darum geht, über Probleme zu sprechen und nie, wenn es um positive Erzählungen geht", erläutert Tekkal, "meine zehn Geschwister und ich sind der Beweis dafür, dass es den GermanDream gibt. Wir sind alle unsere Wege gegangen." Dass Tekkal ihren German Dream erreicht hat, stehe für sie außer Frage: "aber es geht viel mehr um den German Dream einer ganzen Gesellschaft und darum, dass ich dafür einstehe, dass es keine Rolle spielen darf, wo jemand herkommt, welche Religion er hat oder wen er liebt", vertieft sie, "die Tatsache, dass wir dieses Ziel nicht erreicht haben, hat mich dazu bewogen, Deutschland als ein Land der Chancen mit den tollen Geschichten von all den unbesungenen Alltagshelden sichtbar zu machen." Um Menschen daran zu erinnern, welches Potential in ihnen steckt, schickt sie bundesweit Zeitzeug:innen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Schulen.


In ihrer heutigen Arbeit möchte sie besonders eins erfüllen: junge Menschen zu ermutigen, an sich selbst zu glauben. Sie sollten sich Berufe aussuchen, welche mit ihrer Berufung einhergingen und trotz allen Steinen, die einem begegnen mögen, weiter machen. "Selbst wenn es Tage gibt, an denen dieser Glaube herausgefordert und erschüttert wird, sollte man nicht von seinen tiefen Zielen abrücken", betont Tekkal, "seid nicht zu selbstkritisch. Das ist eine Erfahrung, die ich als ich jünger war, erlebt habe und die mich manchmal hinderte. Man muss es aushalten können, wenn man Gegenwind bekommt oder nicht alles so klappt, wie man es sich vorstellt", fasst sie zusammen, "Ausdauer und Kontinuität, trotzdem dranbleiben, das ist unheimlich wichtig."


Eine Geschichte, die berührt und vor allem inspiriert. Geschichten wie diese erinnern uns nicht nur daran, von größeren Dingen zu träumen, sondern auch unsere Augen von der Realität nicht zu verschließen. Und vielleicht ebenfalls unsere Komfortzone zu verlassen. (Yasemin Kamisli)