• Yasemin Kamisli

Mirrianne Mahn: "Der strukturelle Rassismus muss auch strukturell bekämpft werden"

Genau so geht jung, divers und offen. Als Referentin für Diversitätsentwicklung für das Kinder und Jugendtheater in Deutschland setzt sich Mirrianne Mahn schon so lange sie denken kann gegen Diskriminierung- und besonders gegen den Rassismus ein.

Foto: Mirrianne Mahn. Instagram @mirrianne_m

"Diversity. Equality. Unity." - Dieses Jahr kandidiert Mirrianne Mahn für die GRÜNEN mit der Motivation, endlich mehr Diversität in die Politik zu bringen: "Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft in einer Stadt wie Frankfurt, wo 53% der Menschen eine Migrationsgeschichte haben, in dem Stadtparlament repräsentiert sein müssen", so Mahn, "unser Stadtparlament spiegelt aktuell nicht einmal 5% davon wider. Das ist ein Armutszeugnis." Diese Muster scheinen sich jedoch langsam zu verbessern; immer mehr junge Menschen werden aktiv und lassen sich aufstellen, "das zeigt vielleicht, dass der Gong endlich gehört wurde." fügt Mahn hinzu. Die 31-jährige fordert neben der Aufklärung und dem Sensibilisieren vor allem eines: "Der strukturelle Rassismus muss auch strukturell bekämpft werden."


Auf der einen Seite erleben wir, wie junge Menschen laut werden und sich für mehr soziale Gerechtigkeit und klar gegen den Rassismus aussprechen. Auf der anderen Seite existiert institutioneller Rassismus. "Rassismus hat noch nie nur annähernd mit dem Gedanken gespielt, zu verschwinden", erläutert Mahn, "und dieser wird nicht von alleine verschwinden. Globalisierung hin oder her. So lange wir nicht anfangen, Rassismus zu verlernen, wird es weiterhin so bleiben." Durch Jahrhundert altes Denken sei Rassismus tief in unseren Zellen verankert, was immer wieder reproduziert werden würde. Heute vor einem Jahr, am 19.02.2020, erschoss der 43-jährige Hanauer Tobias R. in und vor einer Shishabar neun Menschen mit Migrationshintergrund - darunter Ferhat Unvar, Göhkan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nessar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vill Viorel Paun und Fatih Saraçoglu. Eines ist sicher: "Stellen wir uns vor Marie, Steffan und Lars wären in dieser Form umgebracht worden - dann hätten die Behörden anders reagiert", merkt Mahn an, "wenn Jochen und Günther vor dem Fernseher gesessen hätten und gehört hätten, dass die Notrufnummer nicht funktionierte, dann würde das auf Bundestagsebene besprochen werden worden." Punkt. "Das, was in Hanau passiert ist, war Rechtsextremismus. Viele Menschen in unserer Mehrheitsgesellschaft halten Rechtsextremismus für Rassismus", führt Mahn fort, "natürlich findet das seinen Ursprung in Rassismus. Trotzdem beginnt Rassismus schon viel früher - nämlich dann, wenn mein sieben Jähriger Sohn schon zuckt, wenn nur eine Hand in die Nähe seines Kopfes kommt, weil die Leute es sich nicht nehmen können, ihm ungefragt in die Haare zu fassen." Für Mahn liegen die Anfänge von Rassismus im Alltag; da, wo Menschen nach ihrem gut und professionell recherchierten Vortrag erst einmal anmerken, dass sie doch so gut deutsch sprechen kann. Da, wo sich der Polizeisprecher von Frankfurt nach den Opernplatz-Aufruhen vor die Kamera stellt und klar betont, dass Menschen mit Migrationshintergund die Verantwortlichen waren und damit dieses rassistische, "kriminelle" Bild dieser weiter in die Köpfe der Gesellschaft pflanzt. Dadurch würde die Mitte unserer Gesellschaft dann problematischer Weise eine Legitimation für ihre Vorurteile sehen.


In Zeiten von dem Anschlag in Hanau, Halle, dem Mord an Walter Lüpcke und dem unaufgeklärten NSU Fall ist unserer Demokratie eine große Herausforderung gestellt. "In Zeiten, wo ich in meinem Büro nichts drucken kann, ohne dass mein Chef die Möglichkeit hat, zu wissen, was, wann, wie gedruckt wird - will mir unsere Polizei erzählen, dass sie nicht wissen, wer diese Daten abgerufen hat." Mahn fordert, dass die Polizei zu viel höheren Standards gehalten werden muss, da wir - die Gesellschaft - eben auf die Polizei angewiesen sind, wenn wir in Gefahr geraten. "Natürlich ist Rassismus in unserer Gesellschaft und natürlich ist dieser Rassismus auch strukturell", sagt Mahn, "aber die Menschen, die mit Schusswaffen in unserer Gesellschaft rumlaufen, müssen eine andere Form der Sensibilisierung und der Überprüfung erfahren, damit wir nicht Gefahr laufen, dass diese Menschen in ihren rassistischen Strukturen nicht klar kommen." Mahn ist der Meinung, dass wir dringend eine unabhängige Entwicklungs- und Meldestelle gegen Polizeigewalt benötigen, wo sich Betroffene hinwenden können. "Darüber hinaus brauchen wir Diskriminierungsbeauftragte in allen Ämtern, die diese Betroffene Perspektive einbringen können."


"Menschen, die nicht von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, können das einfach nicht verstehen", erklärt die 31- jährige zusammenfassend, "daher kommt mein Drang, in diese Strukturen zu gehen und zu versuchen, sie von innen heraus zu ändern."


An dieser Stelle möchte ich ein weiteres mal alle wahlberechtigten bitten, in der Kommunalwahl am 14.03.2021 zu wählen. Es ist essenziell für unser demokratisches Miteinander leben, direkt vor deiner, meiner - unserer Haustür. Mit eurer Stimme könnt ihr viel verändern und aktiv ein Statement setzen. Für ein Frankfurt gegen Rassismus - gegen Diskriminierung jeder Art und vor allem gegen Polizeigewalt.(Yasemin Kamisli)


#HanauWarKeinEinzelfall